Ute Seifert. Präsenz des Verborgenen. Zur Malerei von Ute Seifert

Kunst zielt auf die Erschaffung symbolischer Formen. In der Formgebung verwirklicht sich ein menschliches Grundbedürfnis: Der permanenten Veränderung eine Gestalt entgegensetzen, die Bestand hat, Ordnung in die Dinge tragen, der Formfindung allgemeine Gültigkeit verleihen und sie zugleich mit der Persönlichkeit des Formgebers imprägnieren. Die geschaffene Gestalt fungiert als Gelenkstelle zwischen Subjekt und Objekt, Ich und Welt. An diesem aneignenden Austausch nimmt der Betrachter mit seinen Deutungen und Projektionen aktiv teil. Doch lassen sich Fluss und Feld des Realen in der künstlerischen Form wirklich dauerhaft fassen?

Ute Seifert bedient sich in ihrer Malerei fundamentaler Formen und Farben. In ihren meist als Serien und Gruppen angelegten Arbeiten dominieren die waagerechten und senkrechten Geraden. So entstehen Rechtecke und Kreuzformen in Varianten, die den Bildern eine Farbfeld- und Gitterstruktur verleihen. Reihung und Ordnung, Wiederholung und Differenz spielen sich wechselseitig zu. In dieser rasterhaften Bildgeometrie sind die Flächen- und Farbgewichte auf Spannung ausbalanciert und in immer wieder neue dynamische Beziehungsgeflechte verstrickt. Die Kompositionen bieten sich zur optischen, sinnlichen und gedanklichen Vermessung an. Die Linien vollziehen in ihrer Ausdehnung in die Höhe und in die Breite grundlegende raumgreifende Körperbewegungen nach. Raumorientierung und Raumordnung der Bilder knüpfen nicht an gegenständliche Vorlagen an, aktivieren aber allgemeine und tief verankerte Ausprägungen, Erfahrungen und Metaphern der Wirklichkeit. So ruft die Malerin in Referenz zum Konzept der Abstraktion die autonomen Bildmittel auf, bleibt zwischen Konstruktion und Selbst-Entfaltung eines initialen Gestaltungsimpulses ganz in der Welt der Komposition. Und doch schwingt der Bezug zur äußeren Welt als offener Assoziationshorizont permanent mit. Die Realität der Bildwelt und die Realwelt, die Bilder in den Menschen und die Bilder in der Malerei tauschen sich an Passagen bildnerischer Transformation aus.

Im Kolorit beschränkt sich die Malerin auf die Grundfarben und auf Schwarz und Weiß. Eine dominante Stellung nimmt das Blau ein. In einigen Bildern füllt es das gesamte Format und zieht mit dem ihm eigenen abgründigen und weiträumigen Sog den Blick in die Tiefe. Neben der Leinwand kommt häufig Finnpappe zur Anwendung, ein offenporiges Trägermaterial, das mit dem samtig erscheinenden Blau den Blick haptisch einfängt. Die Farben staffeln Flächen und markieren Grenzen, schaffen in der Reihe und Gliederung den Wechsel und die Korrespondenz von verschiedenen stofflichen Modi, Temperaturen und Atmosphären.
Ebenso korrespondieren die häufig durchscheinenden Farben als Ebenen in der Tiefe. Im Aufbau von klarer und zugleich schillernder Vielstimmigkeit vollzieht sich das bildliche Geschehen, das den Kern dieser Kunst bestimmt. Zwischen den Polen des Dunkels und des Hellen spannt die Künstlerin einen Kosmos auf, der Extreme von Existenz und Empfindung thematisiert und zugleich eine Vielzahl von Schattierungen auffächert, miteinander kontrastieren und ineinander gleiten lässt. Mit dem Weiß ebenso wie mit dem Schwarz und einem tiefen Dunkelblau führt sie die Malerei tendenziell an einen Nullpunkt, in dem alles versinkt oder alles beginnt, alles ausgelöscht wird, um wie zum Tagesanbruch neu aufzutauchen und wahrgenommen werden zu können. Im Weiß und Schwarz treffen verschiedene Erscheinungs- und Wesensqualitäten zusammen. Das Grau- und Farbspektrum wird zum metaphorisch angereicherten Spiegelbild des Daseins wie auch der Bildwelt und ihrer möglichen Lesarten.

Sprachen wir anfangs von der Schaffung der Form als basaler Geste im erkundenden und einschreibenden Austausch des Menschen mit der Welt, treibt Ute Seifert ihre Bilder tendenziell der formalen Reduktion und Entmaterialisierung zu. Das erscheint auf den ersten Blick paradox: Auf der einen Seite führt sie in der bildlichen Organisation die Farbformen zu vertiefter Wahrnehmung, auf der anderen Seite verdeckt sie diese. So liegen verschiedene Blautöne in Einzelbildern und Serien unter einem zarten Schleier aus pastellartigem Weiß in differenzierenden Ausprägungen. In dieser Anmutung eines mehr oder weniger transparenten Vorhangs vollzieht sich ein Vexierspiel zwischen Untergrund und Vordergrund. Dabei ist nicht eindeutig zu entscheiden, was Kulisse und was Akteur ist. Der Blick wechselt stetig zwischen den Ebenen. So wie im Dialog der nebeneinander liegenden Flächen entfalten die Schichten auch in der Tiefe ihre Kraft und Energie in Zwischenräumen, Übergängen und Grenzbezirken.

In großformatigen Leinwänden treibt die Künstlerin das Bildgeschehen an die Grenzen der Sichtbarkeit. In zahlreichen Brechungen eines cremehaften Weiß, in denen zarte Pinselhiebe nur noch schemenhaft den malerischen Zugriff dokumentieren, ist die Farbsubstanz aufs äußerste zurückgenommen. In diesem offenen Raum scheint nichts mehr dem Auge Halt zu bieten. In der dadurch fast zwangsläufig geschärften Wahrnehmung tauchen immer wieder Farbnebel auf, um sich erneut zu entziehen. Farbformen verleihen hier nicht dauerhaft dem Flüchtigen und Veränderlichen Gestalt, sondern erweisen sich selbst als wechselhafte Phänomene. So wie die Bilder sich zeigen und verbergen, offenbaren und verhüllen, schwankt auch der Blick zwischen Fixierung und Freigabe der Gestalt. Das Bild pulsiert sanft in einem steten Wandel amorpher Formen und changierender Farben.
Die Malerin setzt in ihrer Bildsprache auf die versammelnde und aktivierende Kraft der Stille und der Leere. An Schwellen und in Freiräumen, aber auch im schillernden Binnengeschehen der Farbflächen intensiviert und fokussiert sich die Wahrnehmung. In verdichteten Pausen kann sich der Blick entschleunigen und erneuern und zugleich ausschwärmen. Der weißliche Farbschleier aktiviert die visuellen Erkundungskräfte und öffnet Perspektiven für eine gedankliche Identifizierung. In der kontemplativen Versenkung, zu der die formal und farblich reduzierten und konzentrierten Bilder einladen, kommt das geistige Auge zu der Ruhe, die notwendig ist, um auch die tieferen Klangschichten, die Zwischentöne und Randgeräusche dieser visuellen Kammerspiele wahrnehmen zu können. Für diese Fokussierung spielen das bewusst begrenzte Repertoire und ein einheitliches Format eine zentrale Rolle. Nur im Gleichartigen lässt sich Differenz ausmachen. Der Betrachter muss in die Lage versetzt werden, sich in Form, Farbe und Format leiblich und gedanklich einzumessen, um sich darin mit- und nachschöpfend bewegen zu können.

Ute Seifert inszeniert in ihren minimalistischen und seriellen Bildtafeln das Zusammenspiel von Erkennen und Empfinden auf subtile Weise. Sie schafft fundamentalen Farben und Formen eine Bühne zur Entfaltung ihrer atmosphärischen Kräfte. Sie bietet Orientierung und Empfindungsqualität und entzieht diese zugleich wieder. Der Blick kann sich angekommen fühlen und doch wieder fern, das Auge bleibt unterwegs und ist permanent zur Suche von Standort und Perspektive aufgefordert. Der Betrachter sieht sich einem sich selbst reflektierenden bildlichen Geschehen von Formen und Farben gegenüber gestellt, doch im Verlauf der Wahrnehmung wird auch er mehr und mehr auf sich selbst geworfen, auf das Denken, das hinter seinem Auge siedelt, auf die Empfindung, die das Tor jedes Erkennens ist. Die Bilder sind Fenster zur Welt, Türen in verborgene Räume und Spiegel des sehenden Ichs und des Sehens selbst.

In den Formen, die sich in Ute Seiferts Bildern realisieren, kommt zum einen das Wesen der Dinge in einer generellen Gültigkeit zum Ausdruck. Quadrate und Rechtecke versammeln eine Unzahl realer Erscheinungen unter einer formalen Klammer. Waagerechte und senkrechte Linien greifen gleichfalls die Typologie von Alltagsphänomenen wie auch fundamentale Wirkungskräfte, Körperbewegungen und Raumsituationen auf. Somit fungieren die Bilder wie eine Sprache, die verschiedene Einzeltatbestände unter einem Begriff verklammert. Genauso aber exponieren die Arbeiten die Singularität der Dinge und Konstellationen, ihre spezifische Einzelqualität. Je mehr sie von der empirischen Welt abgelöst auftreten, desto stärker entwickeln sie ihre imaginativen Kräfte.
So treten die verschiedenen Varianten einer Gitterstruktur als explizite Einzelereignisse auf. So zeigen sich die Farben in unerschöpflicher Vielfalt ihrer Nuancen. So prägt das Zusammenspiel der Schichten eine einzigartige Gemengelage aus. In diesem Sinne sensibilisiert die Malerei von Ute Seifert einerseits für universelle Systeme der sichtbaren Welt, für die schöpferische Energie von Strukturen, für Raster und ihr Verknüpfungspotenzial. Zugleich lenkt sie die Aufmerksamkeit auf den individuellen Klang jeder Einzelerscheinung. In diesem Pendeln zwischen generalisierendem Erkennen und vereinzelndem Empfinden bewegt sich Wahrnehmung, wenn sie sich nicht auf eine bloße Abbuchung des Sichtbaren in normierten Verständigungskategorien beschränken will. In diesen Bildern zeigt sich nicht nur das Formergebnis, sondern auch der Formprozess als Spur von Zugriff und Verlauf. So fügt die Künstlerin dem formalen System und Spiel die Syntax und die ihr zugrunde liegende Semantik bei. in diesem Sensibilisierungsakt gilt, dass Weniger mehr ist. Je straffer die Reduktion ist, umso mehr lässt sich erkunden und erfahren. Je eingegrenzter und fokussierter das Format des Blickes, umso mehr lassen sich Horizonte und Tiefen öffnen. Im Zuviel verliert sich das Auge, nur im Ausschnitt, für den das Bildformat steht, kann es sich und zu sich selbst finden.

Dient eine gegenständliche Referenz in den Bildern von Ute Seifert auch nicht als Auslöser, bauen die Arbeiten doch immer wieder Brücken zu konkreten Ansichten von Körper, Landschaft oder Architektur. Die Kreuzform als Ursymbol mit ihrer Andeutung von Körper und Gesicht wurde bereits erwähnt. Die Raster oder Gitter tauchen in Feldformationen von Kulturlandschaften oder in urbanen Topographien auf. Sie rufen neben der konkreten Raumordnung Phänomene und Situationen wie Nachbarschaft, Nebeneinander und Austausch auf, die sich in der Gegenwart immer mehr ausdifferenzieren. Mit dem Aufeinandertreffen verschiedener Farben, unterschiedlicher stofflicher Qualitäten wie Luftigkeit und Dichte oder Differenzen in der manuellen Geste werden Kontraste, Konflikte, Krisen oder Korrespondenzen zur Anschauung gebracht. Dabei geht es nicht so sehr um die Repräsentation von Situationen, die sich in der Wirklichkeit auffinden lassen, sondern um die Präsenz der Malerei selbst, die Empfindungen von disparater und differenzierter Wirklichkeit in Erinnerung ruft, aber auch für die Erfahrung von Wirklichkeit empfindsam macht. Bekanntlich bedarf es nicht mehr als einer waagerechten Linie, um die Assoziationen an eine Landschaft zu evozieren. Der Horizont tritt als fundamentaler Riss zwischen Himmel und Erde auf, das heißt nicht nur zwischen sichtbaren Bezirken, sondern auch zwischen Festem und Feinstofflichem, Materiellem und Immateriellem, Physis und Metaphysik. Die Bilder lassen diese Linie prominent hervortreten, überblenden sie aber auch mit anderen Streifen und Feldern.
In Ute Seiferts Bildern lässt die imaginäre Horizontlinie vor allem an den Trenn- und zugleich Verbindungsstreifen zwischen dem bewegten Wasser und dem Himmel mit seinen wechselnden Wolkenformationen denken.
So wie sich in den Farben bildklimatische Verhältnisse aussprechen, treten die Formen in einer fluiden Veränderlichkeit und steten Wandlungsenergie auf, ganz gemäß der Ursubstanz Wasser. Nicht von ungefähr hält die Malerin Meeresbilder fotografisch fest und fügt sie ihrem Werk hinzu. In diesen Fotografien realisiert sich ihr malerischer Blick auf die Kunst und auf die Welt. Die aus autonomen Bildmitteln gewonnenen Formen finden sich in der Wirklichkeit wieder. Das belegt die Sichtweise, dass in der Welt der Bilder die Bilder der Welt immer weiterleben und weiterwirken, dass die Kunst und die Natur in der eigenen Natur der Kunst fest verankert sind. Das Künstlersubjekt aktiviert seine inneren Bilder und hebt sie im künstlerischen Werk auf eine neue Stufe, die sie innerhalb der dem Medium eigenen Regeln agieren lässt, aber auch anschlussfähig macht für die visuellen und unsichtbaren Tatbestände der empirischen Welt. Die abstrakte Kunst schafft eigene Realitäten in Gestalt von Gefügen aus Flächenharmonien und Farbakkorden. Als Realitäten atmosphärischen Charakters bieten sie Resonanzräume für menschliche Innenwelten. Zugleich legen sie nahe, sich auch der Außenwelt mit abstrakten Kategorien zu nähern. So lassen in Ute Seiferts Kunst die Farben die Energien und die Formen die Kraftfelder erahnen, die unterhalb der oberflächlichen materiellen Existenz der Dinge wirken. In feinen Mustern, welche die Natur zeigt, sind Prozesse und Wirkkräfte des Daseins als Abdruck und Momentaufnahme eingraviert. Diese Muster transformiert Abstraktion in Diagramme, die weniger die Endformen zeigen als einen Blick in den Maschinenraum des Lebens eröffnen.

In der Kunst und Weltsicht spielen die kulturellen Prägungen eine zentrale Rolle, wobei die kulturelle und künstlerische Sozialisierung nicht unbedingt an den direkten Lebensraum gebunden sein muss. Ute Seifert ist stark von der japanischen Ästhetik und Weltanschauung inspiriert. Ihre Rasterformationen lassen an die Papierwände traditioneller japanischer Architektur denken, aber auch an die Modulbauweise moderner urbaner Gebäude in fernöstlichen Metropolen. Die Binnenzeichnung ihrer Farbflächen erscheint den leicht und licht fließenden, nahezu entstofflichten asiatischen Landschaftsdarstellungen verwandt, aus denen die Atmosphäre, die Tradition und der Geist eines Ortes in metaphorischer Verdichtung sprechen. Die Malerin baut mit ihren ebenso strengen wie spielerischen Formlösungen Portale für die meditative Versenkung in das Innere der Bilder und ebnet Wege für das Aufräumen des eigenen inneren Speichers. Auch in der Inszenierung einer stofflich erfüllten und mental erfüllenden Leere stimmt sie bei allem Formwillen und Farbwirken mit der fernen und ihr doch nahen Kultur überein.

© Dr. Rainer Bessling 7-2019

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